Magerquarksocke

Am Rande des Tech-Journalismus

Auf der ehemals halbwegs interessanten Technik- und Lifestyle-Seite The Verge tauchte vor anderthalb Wochen ein Artikel auf, der mit „With its new keyboard, Google has colonized every major function of my iPhone“ betitelt ist. Man möge mir nachsehen, dass ich ihn über Umwege erst heute entdeckte – aufgrund der thematisch „breiteren Aufstellung“ (BWLer-Deutsch für „wir verwässen, wofür wir mal standen, weil das vielleicht mehr Profit abwerfen könnte“) mit zu erwartendem folgendem Qualitätsabfall (also wie immer, wenn man BWLer, und dann auch noch solche mit Hipster-Hintergrund, irgendwo dran lässt) frequentiere ich diese Seite nur mehr noch für das Forum, meide die Startseite für gewöhnlich jedoch.
Zu Recht, wie ich anhand dieses bezeichnend kurzen Machwerks wieder einmal feststellen wollte. Der Text ist kurz – was an sich nicht schlecht sein muss, bloß resultiert die Kürze in diesem Falle aus nicht vorhandenem Inhalt. Es scheint sich um die Niederschreibung der Meinung des Autors zu handeln, ohne diese jedoch auf irgendeine Weise zu unterfüttern.

Es geht thematisch um eine neue Tastaturanwendung von Google für das iPhone sowie die Erkenntnis des Autors, dass er beinahe nur noch Google-Anwendungen nutzt.

Along with wondering about what Google will tell advertisers now that they can read every single thing I type, [...]

Artikel, die bereits mit einer Falschaussage beginnen, lassen nichs Gutes für den weiteren Text erwarten. Google zeichnet sich, im Gegensatz zu zahlreichen anderen in der Onlinewerbebranche tätigen Unternehmen, eben dadurch aus, dass sie keine Informationen mit werbenden Unternehmen teilen, oder zumindest die Möglichkeit bieten, dies zu unterbinden. Googles Datenschutzerklärung stellt hierzu fest:

Verkauft Google meine persönlichen Daten?
Nein. Wir verkaufen Ihre persönlichen Daten nicht.
[...]
Google gibt Werbetreibenden zu keinem Zeitpunkt Ihre Identität preis, es sei denn, Sie wünschen dies.

Von einem journalistischen Medium, das sich schwerpunktmäßig mit eben dieser Branche beschäftigt, ist durchaus zu erwarten, dass sie die Unternehmen, über die sie berichten möchten kennen, sich andernfalls vorab informieren und keine Aussagen veröffentlichen, die in Teilen oder gänzlich falsch sind. Aber was sage ich, Faktenchecks scheinen allgemein kein Kriterium für sogenannte Redakteure und Journalisten zu sein.

I use Google products for email, search, photos, maps, and video. Gboard effectively puts Google inside every app I use that requires me to type, from texting to taking notes. The only activity that isn't really mediated by the search giant at this point are voice calls, although in the past I have used Google Voice.
This isn't an op-ed about how Apple is dying or how Google products are superior to others. Just an observation that the two biggest players in the world of mobile devices / operating systems can radically overlap on an iOS device, in a way that I don't think would be possible or practical if I was on Android.

An dieser Stelle schimmert einmal mehr durch, weshalb The Verge auch gerne als „iVerge“ bezeichnet wird. Ich meine, gut, der Autor hat insoweit recht, als dass Apple- und Google-Produkte gleichzeitg auf Android zu nutzen nicht möglich wäre, da Apple sich vehement weigert, seine Dienste auf Android anzubieten, von Apple Music einmal abgesehen. Darüber hinaus kann ich dieser Meinung nicht ganz folgen. Android wäre in Anbetracht der beschriebenen Situation sogar die bessere Wahl, denn hier nutzt jemand (anscheinend) mit GMail, Google, Google Fotos und Google Maps mindestens vier Apps, die er allesamt nicht als Standardanwendung festlegen kann (mit ist bis heute schleierhaft, weshalb sich Nutzer diese Form der technischen Mündigkeit, die sie am PC sogar erwarten, auf einem Smartphone anstandslos haben wegnehmen lassen, bloß weil es cool sei). Das bedeutet, dass ein Klick auf einen mailto-Link oder Koordinaten immer Apple Mail bzw. Apple Maps öffnet. Weil es nicht anders geht. Unter Android lassen sich hingegen beliebige Apps als Standard für einen bestimmten Zweck festlegen. Damit ist man auch für die Zukunft abgesichert, wenn einem das Angebot eines Unternehmens nicht mehr gefällt.

Es mag natürlich sein, dass der Autor andere Beweggründe hat, unbedingt an iOS festhalten zu müssen. Dummerweise stehen die da nirgends. Von einem Meinungsartikel wie diesem hätte ich deutlich mehr Substanz erwartet. Es kommt allerdings gar nichts mehr außer zwei weiteren Absätzen die sich erneut um die „Datenkrake“ drehen. Statt den Käse noch einmal durchzukauen, hätte der Autor die Zeilen in etwas mehr Begründung und Unterfütterung seiner These stecken können.

Aber von den meisten Journalien darf man heutzutage eben nichts mehr erwarten. Es wundert daher auch nicht, dass die Kommentare unter dem Artikel deaktiviert wurden. Nachher hätte noch jemand angemerkt, was für ein selten verquerer und überflüssiger Artikel dieser hier doch ist...