Magerquarksocke

Angehört: Sabaton – The Last Stand

Las man sich die Kommentare unter den vorab veröffentlichten Singles des neuen Sabaton-Albums „The Last Stand“ durch, wurde klar, wie sehr die Schweden mit dem einen Problem zu kämpfen haben würden, das wohl die meisten Interpreten in ihrer Karriere einmal ereilen wird: Wie bleibt man seinem Stil treu genug, um diejenigen nicht zu verschrecken, die klassischen Sabaton-Sound hören möchten, während man gleichzeitig etwas neues probiert, damit nicht der Eindruck entsteht, man habe sich einfach an übrig gebliebenem Material des Vorgängeralbums orientiert?
Nun ist „The Last Stand“ bereits eine Weile erhältlich, und ich hatte dank Vorbestellung direkt nach Erscheinen das Vergnügen, es auf einer Fahrt nach Köln in Gänze anhören zu können. Nun tauge ich sicherlich nicht zum Rezensenten, möchte aber dennoch meine persönlichen Eindrücke, wie schon Heinz Erhardt sage, an dieser Stelle zum Allerbesten geben. Gehen wir also im wahrsten Sinne des Wortes Stück für Stück vor durch ein Album, das man wohl als Konzeptalbum bezeichnen könnte, beschäftigen sich doch alle (regulären) Songs auf die ein oder andere Art und Weise mit dem letzten Aufgebot eines Trupps. Die für Sabaton so ikonisch gewordene Kriegsthematik setzt sich also auch in diesem jüngsten Opus fort, umfasst allerdings eine weitaus größere historische Bandbreite, wie wir im Folgenden sehen werden.

Sparta

A final stand, stop the persians, spear in hand

Das Intro des Openers intoniert eine Epik, wie man sie von der Hollywood-Verfilmung antik-griechischer Mythen und Erzählungen erwarten würde. Man kommt dank des Stils der Instrumentalpassagen nicht umhin, sofort an Chitons und Olivenhaine zu denken. Auf diese Weise vermittelt der Song einerseits die zugrundeliegende Thematik auf einzigartige Weise, passt andererseits aber auch perfekt in die Power Metal-Soundkulisse, die für Sabaton so typisch geworden ist.
Die Geschichte des Widerstandes des Hellenenbundes gegen die Perser in der Schlacht bei den Thermopylen lässt sich gut anhören und lebt vor allem von den Ausrufen á la „Sparta! Hellas!“ im Refrain, kommt allerdings nicht an die kraftvolle Wirkung eines „Ghost Division“ (Art of War) oder „Night Witches“ (Heroes) heran.

Last Dying Breath

Show no fear, the ending is near
A final charge, to face the fire

Stilistisch erinnert mich dieser Song vor allem an das zweite (oder dritte, falls man Fist For Fight mitzählen mag) Album der Band, “Attero Dominatus”. Die im Aufbau der Strophen eher zurückhaltenden Instrumente, die zum einzeiligen Refrain völlig ausklingen und erst danach wieder einsetzen, dafür aber auf einen Schlag – das ist eine Struktur, die sich auf den Attero Dominatus-Titeln des Öfteren findet.
Es ist denn auch genau dieser kurze Refrain inklusive des auch nur zweizeiligen Prächorus, der aufgrund dieses Fokus‘ auf den Joakim Brodéns Gesang das Interesse an einem Song wachhält, der ansonsten eher bessere Durchschnittskost darstellt. Es sollte mich wundern, „Last Dying Breath“ in Zukunft auf der Setliste für Liveauftritte wiederzufinden.

Blood of Bannockburn

We have our nation's fate in hand
It's time we make our final stand

Wenn Drums und Dudelsäcke am Beginn eines Songs stehen, was soll dann noch schiefgehen? Um es vorwegzunehmen, stellt dieser auch vorab veröffentlichte Song das erste richtige Highlight auf „The Last Stand“ dar.
Die Schlacht um Stirling Castle wird ebenso kraftvoll-dynamisch wie abwechslungsreich erzählt. Mit Blood of Bannockburn gelingt der Band der Spagat zwischen wiedererkennbarem Sabaton-Sound und einer neuen Idee auf hörenswert harmonische Weise. Lautstärke nach oben hin korrigieren, Schiebedach auf, Vollgas und, sofern kein leidender Beifahrer zugegen ist, lauthals „Join the Scottish revolution // Freedom must be won by blood“ mitsingen. Ein herrlicher Song, und eine definitive Reinhör-Anweisung!

Diary of an Unknown Soldier / The Lost Battalion

Suffer heavy losses as the battle carries on
Liberty Division standing strong

Beim erstgenannten Stück handelt es sich um einen Auszug aus dem Tagebuch eines der 500 US-Amerikanischen Soldaten, die 1918 in der Argonne feststeckten und von deutschen Truppen umzingelt waren.
Was zunächst nur von sanfter Hintergrundmusik begleitet als Vorlesung beginnt, wird ab der Zeile „Machine gun fire from enemy lines“ um Synthesizer- und Schlagzeugparts ergänzt, die tatsächlich nach dem rhythmisch-schnellen Feuer eines Maschinengewehrs klingen, später noch um „Bajonett-Schnitte“. So wie der Tagebucheintrag „All these sounds still echo in my mind // […] it all comes together as music” liest, so fügen sich auch die anfangs abgehackten Geräusche zu einem melodischen Ganzen zusammen, nur um dann, die Zeilen “A rhythm of death // A symphony of war” begleitend, in den Song The Lost Battalion überzuleiten.
Für diesen Titel bedienen sich Sabaton eines Konzepts, dass schon auf „Heroes“ häufiger Verwendung fand: ein Auszug aus dem Refrain wird zu Beginn von keiner oder nur schwacher instrumentaler Begleitung im Chor gesungen, bevor die Instrumente einsetzen und die eigentlichen Lyrics beginnen.
Kann The Lost Battalion auch alleine stehen – nicht umsonst hatte ich mir von dieser ersten Vorab-Single bereits Großes für das Album erhofft –, so wird erst im Zusammenspiel mit dem Diary deutlich, was genau diese metallenen Geräusche symbolisieren sollen. Natürlich, man kann es sich denken, doch sind beide Stücke als Einheit betrachtet genial aufgebaut und erwecken ein Kopfkino, in dem man sogleich Schützengraben-Szenen vor Augen hat.
Man könnte auch sagen, The Lost Battalion macht von der Qualität nahtlos dort weiter, wo Blood of Bannockburn aufgehört hat.

Rorke’s Drift

The lines must hold, their story told, Rorke's drift controlled

Was man von Rorke’s Drift nicht vollumfänglich behaupten kann. Schlecht ist der Song sicherlich nicht, kann allerdings das überragende Niveau der beiden vorhergehenden nicht halten. Hier zeigen sich Sabaton von ihrer dynamischeren Seiten – die Vertonung der Verteidigung von Rorke’s Drift ist deutlich flotter als der Rest des Albums und eher rockig als „metallig“, Talvisota lässt grüßen. Gerade deshalb und wegen der kurzen, eingängigen Verse des Refrains vermag der Titel dennoch in Erinnerung zu bleiben und sticht ein wenig aus dem Rest des Albums heraus.

The Last Stand

In the service of heaven
They're protecting the holy line

Ja, der Titeltrack des Albums beginnt mit dem Läuten von Kirchenglocken – und leitet damit bestens in das Thema des Songs ein. Im Zuge des Sacco di Roma 1527 flog Papst Clemens VII. ins Castel Sant’Angelo, während die 189 Mann der Schweizer Garde sich den angreifenden Söldnern entgegenstellten – und komplett aufgerieben wurden.
The Last Stand zeigt auf beeindruckende Weise, was diesen so oft genannten Sabaton-Sound ausmacht. Eingängige Melodien, ein insgesamt kraftvoller Aufbau, der zum Schluss hin noch einmal leicht gesteigert wird, und eine motivierende Livetauglichkeit. Dieser Song kann sich nicht nur inhaltlich-chronologisch problemlos in eine Reihe mit Gott mit uns, The Carolean’s Prayer oder, ja tatsächlich, auch Carolus Rex gesellen. Man kann nicht ruhig und stumm dasitzen, wenn The Last Stand läuft – für mich der unbestreitbare Höhepunkt des gesamten Albums.

Hill 3234

Stand, hold your ground
Come around
Hostile land
Your last stand

Inhaltlich gehört Hill 3234 zu den jüngeren Ereignissen, die Sabaton vertont haben, beschreibt er doch den Widerstand einer sowjetischen Luftlandeeinheit gegen Mudschaheddin im Jahr 1988 während des Sowjetisch-Afghanischen Krieges.
Der Song leidet dabei unter dem gleichen Problem wie schon Rorke’s Drift – an das überragende Niveau des Vorgängers kommt er nicht heran. Und das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit dieser beiden Stücke; auch stilistisch sind sie sich nicht unähnlich. Einmal mehr vermeint man Anlehnungen an Talvisota oder auch, wenngleich schwächer, Cliffs of Gallipoli herauszuhören. Ein netter Song, nicht mehr, nicht weniger.

Shiroyama

It's the last stand of the samurai

Keinem anderen Song auf dieser Platte stehe ich so zwiespältig gegenüber wie Shiroyama. Vielleicht liegt es daran, dass dieser die dritte Vorab-Single nach The Lost Battalion und Blood of Bannockburn war, aber von der Qualität nicht ganz an diese beiden heranreicht – nicht zuletzt, da sich im Gegensatz zum „Maschinengewehrfeuer“ und den Dudelsäcken hier keine das Thema unterstützenden Instrumentalkniffe wiederfinden – und ich daher weiterhin mit dem Vorurteil des „ist nicht ganz so schön“ an Shiroyama herangehe.
Dabei fehlt dem Song eigentlich nichts, im Gegenteil: Shiroyama stellt genau genommen eine wunderbare Fortsetzung von The Last Stand dar – rein musikalisch versteht sich, inhaltlich haben die Verteidigung des Papstes und der letzte Kampf der klassischen Samurai dann doch nicht so viel miteinander zu tun. Ich muss aber auch zugeben, diesen Song in letzter Zeit öfter gehört zu haben als zu Beginn. Vermutlich handelt es sich hier um einen derjenigen, die erst in meinen Ohren reifen müssen. Insbesondere Heroes hatte gleich mehrere solcher Stücke, die mir erst nach mehrmaligem Anhören gefallen haben – dafür aber gleich umso mehr. Warten wir es also einmal ab.

Winged Hussards

We remember
In September
When the winged hussars arrived

Nichts abzuwarten gibt es bei diesem Song. Ein 40:1 kommt in den Sinn, oder ein Killing Ground, die auf die ein oder andere Weise Pate gestanden haben könnten – vor allem aber Swedish Pagans. Winged Hussars reiht sich ein in die übrigen Highlights dieses Albums, hat dank seiner kraftvoll-mitreißenden Dynamik nicht nur den gleichen Live-Faktor wie Blood of Bannockburn oder The Last Stand, sondern gute Chancen, ebenso wie der Wikinger-Song ein heimlicher Publikumsliebling zu werden. Schon in den Kommentaren unter den Vorab-Singles fiel der Name der Winged Hussars immer wieder. Zu Recht, daher bekommt auch dieser Song meinen absoluten Hörbefehl!

The Last Battle

And it's the end of the line of the final journey

So wie Hearts of Iron stellt auch The Last Battle einen ebenso gelungenen wie angemessenen Ausklang des Albums dar. Ein insgesamt vergleichsweise weniger kraftvoller, dafür vor allem im Refrain allerdings umso melodischerer Song. Damit ist The Last Battle auf seine eigene Weise ein wunderschön anzuhörendes Lied, das durchaus auch Ohrwurm-Potential hat.
Erwähnenswert ist hierzu sicherlich noch das Thema des Songs, handelt es sich doch um die Schlacht, die weithin als die merkwürdigste des Zweiten Weltkriegs gilt. Kurz vor der offiziellen Kapitulation der Wehrmacht hatten hier bereits desertierte Wehrmachtsverbände das Schloss Itter in Österreich erobert und verteidigten es mitsamt seiner Gefangenen nun gemeinsam mit amerikanischen Soldaten und einem französischen Tennisstar gegen weiterhin loyale SS-Truppen.

Fazit

Ein rundum gelungenes Album wird es wohl nie geben, ebenso wenig wie eine Band jemals sowohl die konservativen als auch die nach Innovation schreienden Fans gleichermaßen wird glücklich machen können. Ich finde allerdings, dass Sabaton dieser Spagat mit The Last Stand bereits deutlich besser gelungen ist als noch mit Heroes, und ich würde das jüngste Album der Schweden auf eine Stufe mit Art of War stellen – oder zumindest nicht weit dahinter. Natürlich sind schwächere Stücke darauf (Last Dying Breath, Rorke’s Drift, Hill 3234), aber auch einige, die bereits gute Laune verbreiten können (Sparta, Shiroyama, The Last Battle). Was die Highlights dieser Platte (Blood of Bannockburn, The Lost Battalion, The Last Stand, Winged Hussars) eint, ist sowohl der Sabaton-typische kraftvoll-mitreißende Sound, als auch ein jeweils eigenes musikalisches Thema, das den Inhalt der Lyrics unterstützt und mitträgt – damit gleichzeitig aber auch sicherstellt, dass diese Songs eben nicht wie eine Kopie anderer Titel klingen, sondern als Unikate herauszuhören sind. Wo Heroes noch in sich ziemlich gleich klangen, ist es vor allem diesen vier Songs zu verdanken, dass The Last Stand abwechslungsreicher und kurzweiliger daherkommt.
Sabaton-Fans, auch solche, die von Heroes eher enttäuscht waren, können hier bedenkenlos zugreifen. Einsteigern empfehle ich weiterhin zuallererst Carolus Rex, danach aber gleich Art of War – oder eben The Last Stand.