Magerquarksocke

Auf des Browsers Schneide

Seit gut drei Wochen nenne ich als Ersatz für mein gutes altes Android-Tablet ein Surface Pro 4 mein Eigen. Vom Konzept her fand ich diese Produktserie eh interessant – noch immer als reines, tragbares Konsumgerät nutzbar (wenn auch dafür ein wenig teuer), aber auf Wunsch genauso gut als Produktivsystem einsetzbar. Genauer gesagt: sowohl der Beitrag über das Dieselverbot als auch dieser hier sind komplett auf dem Surface entstanden – das bedeutet Schreiben und mittels Markdown formatieren, über eine XAMPP-Installation zunächst lokal testen und dann per FTP auf den Server schubsen. Eine durchaus angenehme Erfahrung, auch wenn ich an mechanische Tastaturen gewöhnt bin und das Type Cover insofern zunächst eine Umgewöhnung erforderte.
Da auf dem Surface Pro 4 ein vollwertiges Windows 10 läuft, habe ich hier u.a. den guten alten Firefox installiert. An sich kein Problem, nur hatte ich das Gefühl, dass die Akkulaufzeit selbst bei reinem Surfen im Web ziemlich schlecht ist. Nun gilt das Surface allgemein nicht als Akkuwunder, aber offenbar scheint Firefox dies noch einmal zu verschlimmern. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, einmal Microsofts Nachfolger für den altgedienten Internet Explorer, Edge, auszuprobieren.
Edge erschien zeitgleich mit und exklusiv für Windows 10, also Ende Juli 2015. Seitdem hatte ich ihn schon auf dem Desktop-PC einmal ausprobieren wollen; da er aber nicht einmal einen Lesezeichenimport von Firefox bot, habe ich das ganz schnell wieder sein gelassen. Seit dem „Anniversary Update“ von Windows 10 auf Build 1607 ist das nun endlich möglich, und ich habe, zumindest auf dem Surface, mein gesamtes Surfen testweise auf Edge verlagert.
Was also kann Edge?

Website-Rendering

Beginnen wir mit der Hauptaufgabe eines Browsers: der Darstellung von Websites. Obwohl seit Version 9 deutlich und kontinuierlich verbessert, blieb der Internet Explorer (zuletzt deutlich zu Unrecht) das Ziel von Hohn und Spott, wenn es um Standardkompatibilität und Darstellungsgenauigkeit ging. Machen wir es kurz: Edge macht keine Probleme. Ich habe noch keine Website angetroffen, die falsch oder gar nicht dargestellt wird. Es gibt sie zwar, diese Seiten, die einen mit dem Hinweis „nur moderne Browser“ samt folgendem Download-Link für Chrome begrüßen – die funktionieren dann aber tatsächlich nur mit Chrome, weil der Entwickler zu faul war, mehr als nur -webkit-Präfixe zu nutzen. Das ist eine absolute Unsitte, betrifft Firefox allerdings genauso.
Es stimmt, dass Edge weiterhin das Schlusslicht bleibt, wie viele aktuelle Standards er unterstützt. Im Alltag merkt man davon allerdings nichts, und um nichts anderes als die Alltagserfahrung ging es mir. Nichtsdestotrotz muss Microsoft hier am Ball bleiben. Ich ziehe gerne über Apple her, weil die ihren Safari auch eher schleppend weiterentwickeln, dann muss eine entsprechende Bemerkung im Falle von Edge ebenso sein.
Aktuell interessant in dieser Hinsicht ist für mich beispielsweise Grid – diese Spezifikation steht in Firefox und Chrome so langsam in den Startlöchern, worauf ich mich schon freue. Edge hingegen unterstützt nur eine ältere Version, und ein Update ist momentan nicht in Sicht.
Positiv wiederum ist die Geschwindigkeit. Edge ist schnell, und auch wenn das nicht mehr ganz so wichtig ist wie zu den Zeiten, als Chrome gerade neu war, weil mittlerweile alle Browser schnell genug sind, fällt doch auf, das Edge Webseiten sehr flott und ohne zu Stottern lädt.

Interface

Edge sieht nicht anders aus als andere Browser. Buttons für Vor und Zurück, Neu laden, Startseite (optional, standardmäßig deaktiviert), kombiniertes Adress- und Suchfeld. Gut, sonderlich viel Platz für neue Bedienkonzepte bietet ein Browser nun nicht, zumal sich das UI so weit wie möglich zurücknehmen sollte, um Platz für die Websites zu lassen. Insofern bleibt Edge angenehm unaufdringlich.
Microsoft hat allerdings nicht nur das Design, sondern auch die Funktionen äußert minimalistisch gehalten. Das Einstellungsmenü ist das spartanischste aller mir bekannten Browser, und das Kontextmenü bietet nicht einmal eine Option, ein Bild einzeln anzuzeigen. Auch haben Tabs zwar Indikatoren, wenn sie Audio abspielen, aber stummschalten kann man sie nicht – eine Funktion, die in anderen Browsern mittlerweile Standard ist.
Außerdem ist das Interface in keiner Weise anpassbar. Gut, ich kann den Button für die Startseite ein- und ausschalten. Das war es aber auch schon. Dass ich, zumindest auf dem PC, die Vor- und Zurück-Pfeile nicht bräuchte, dass ich die Icons von Erweiterungen nicht dauerhaft sehen möchte, dass ich am PC keine Webseiten annotiere und das entsprechende Icon daher nicht brauche – all das würde ich gerne anpassen, aber dazu gibt es keinerlei Möglichkeit. Tabs zeigen mir eine Vorschau an, wenn ich mir der Maus darüberfahre. Finde ich mehr nervig als praktisch, abschalten lässt sich das aber auch nicht. Hilfreicher wäre es, wenn ich beim Draufzeigen auf einen Tab mit abgeschnittenem Namen den vollen Seitentitel als Tooltip angezeigt bekäme – das macht Edge aber nicht. Mit einer Ausnahme: beim momentan geöffneten Tab, also genau da, wo es am wenigsten hilfreich ist.
Viel schwerwiegender ist allerdings, dass sich zahlreiche mehr oder minder schwere Bugs durch das Interface ziehen. Zunächst einmal lässt das UI ab und an die Schwuppdizität missen, die Edge beim Website-Laden noch an den Tag gelegt hat. Stattdessen ruckelt gerne mal eine Animation, und es dauert, bis meine Befehle auch tatsächlich umgesetzt werden. Schneller Tab-Wechsel ist so ein Beispiel – der Inhalt der Tabs ändert sich gerne einmal erst mit einiger Verzögerung. Aber auch Tabs zu verschieben, führt oft dazu, dass Edge ins Stottern kommt und auf einmal einen anderen Tab auswählt, während man weiterhin den ursprünglichen an die neue Stelle zieht. Das artet in einigem Herumgeklicke aus. Und dann wären da noch so Kleinigkeiten wie ab und an fehlende Favicons.

Hat was dadaistisches
Einmal bunt, einmal nicht

Nervig ist auch, wie wenig Toleranz Edge hat, wenn man einen Tab nur nach vorne oder hinten verschieben möchte. Schon ein leichtes Ziehen nach unten interpretiert der Browser so, dass er diesen Tab in einem neuen Fenster öffnet. Bevor man den dann wieder gegriffen und zurück in das alte gezogen hat, hat man die Seite eher komplett neu geöffnet.
Regelmäßig in den Wahnsinn treibt mich allerdings das Markieren einer URL im Adressfeld. Edge blendet standardmäßig das Schema, also http:// oder https://, aus und ergänzt es erst nach einem Klick in das Adressfeld. Ich halte das Verstecken von Teilen einer URL eh schon für ein Unding, aber abgesehen davon führt das natürlich zu einem Springen: wenn ich an einer bestimmten Stelle der URL klicke und Edge erst dann das führende http:// ergänzt, springt die URL schlagartig nach rechts und ich markiere einen ganz anderen Teil als ursprünglich beabsichtigt. Das GIF erklärt das besser, auch wenn der Mauszeiger in der Aufnahme leicht verrutscht ist – ich wollte den Teil nach /meldung/ markieren. Diese Eigenschaft schleppt Edge seit dem ersten Release mit sich herum, obwohl sie schon oft auf mehreren Kanälen gemeldet wurde.

WAAAAAAH!

Synchronisation

Es ist heutzutage nicht unüblich, dass ein Nutzer mehrere Geräte besitzt – in meinem Fall bspw. ein Desktop-PC und ein Surface. Um dies einfacher nutzbar zu machen, bietet Microsoft eine recht ausführliche Synchronisation des Betriebssystems an. So musste ich auf dem Surface kaum etwas neu einrichten, da Design, Einstellungen u.a. bereits von meinem Desktop-PC übernommen wurden.
Umso unverständlicher ist es da, wie wenig Möglichkeiten man hat, zwei Edge-Installationen abzugleichen – und wie unzuverlässig diese dann auch noch sind. Synchronisiert werden nur Lesezeichen und die Leseliste (eine Liste für Artikel, die man später lesen möchte). Keine Einstellungen, keine Erweiterungen, kein Verlauf, keine offenen Tabs, ich kann nicht einmal einen Tab von einem Gerät an das andere schicken. Und während Edge die Lesezeichen zwar vollständig synchronisiert hat, sehen die Leselisten auf meinen beiden Geräten schon wieder völlig unterschiedlich aus; genau zwei Artikel sind identisch.

Links PC, rechts Surface

Insbesondere der fehlende Tab-Abgleich fehlt mir doch sehr. Wie sich eine „Cloud-first“-Firma eine derart miserable Synchronisation ihres neuen Browsers leisten kann, ist mir schleierhaft.

Sonstiges

Wo wir gerade bei Lesezeichen sind: deren Verwaltung ist auch mehr als spartanisch. Klar, die Standardfunktionen wie Ordnersortierung und Verschieben sind alle drin, aber ich kann weder Tags vergeben, nach denen ich suchen könnte, noch kann ich alle Tabs eines Ordners auf einmal öffnen. Was ebenso nicht möglich ist, ist ein Import von oder Export zu einer HTML-Datei. Und da Browserimporte nur aus Browsern möglich sind, die auf dem Gerät auch installiert sind, gucken ehemalige Safari-Nutzer ohnehin blöd aus der Wäsche.
Genauso wie Leute, die, wie ich, eine eigene Seite für neue Tabs festlegen wollen – das geht mit Edge nämlich auch nicht. Hier habe ich nur die Wahl zwischen einer leeren Seite, einer Liste mit 9 Verknüpfungen und zusätzlich Nachrichten von MSN. Gut, das mag noch ein Nischenfall sein, genau wie der Wunsch, beliebige Seiten im Vollbild zu öffnen (sprich das UI auszublenden). Geht ebenfalls nicht.
Da die Leseliste nun, dank nicht funktionierender Synchronisierung, recht sinnlos ist, lasse ich Artikel, die ich später lesen möchte, einfach als eigene Tabs offen, teilweise über Tage. Ab und an habe ich allerdings schon einmal einen solchen Tab verloren, weil ich ihn versehentlich geschlossen habe. Es gibt in Edge keine Möglichkeit, kürzlich geschlossene Tabs aufzurufen. Gut, habe ich mir gedacht, dann suche ich ihn eben manuell über die Chronik wieder heraus. An den groben Namen konnte ich mich noch erinnern. Dummerweise musste ich feststellen, dass die Chronik keine Suchfunktion besitzt. Mehrere Tage an Verlauf herunterzuscrollen und dabei Gefahr zu laufen, den einen Eintrag noch zu übersehen, schien mir hingegen auch nicht übermäßig zielführend, insofern habe ich diesen Tab einfach abgeschrieben.
Um die Negativerfahrungen abzuschließen: ich bin von anderen Browsers daran gewöhnt, dass sich Links neben dem zugehörigen Tab öffnen. Das war auch im Internet Explorer so, der sie sogar entsprechend farblich markiert hat. In Edge hingegen öffnen sich neue Tabs immer ganz am Ende der Reihe. Umkonfigurieren lässt sich das, wer hätt’s gedacht, übrigens nicht.
Es gibt aber auch noch Gutes zu vermelden. So ist Edge recht angenehm auch mit dem Finger zu bedienen und somit prädestiniert als Browser der Wahl auf dem Surface.
Ebenfalls praktisch ist das Feature, mit dem sich ein seitenlanger Screenshot der Website aufnehmen und dann mittels des Surface-Stifts beliebig mit Kritzeleien und Notizen versehen lässt – zumindest in meinem Job habe ich mir so etwas gerne schon einmal gewünscht.

Fazit

Nein, mit Edge werde ich wohl nicht mehr warm – zumindest nicht auf dem PC. Dort stößt mir die fehlende Synchronisierung sauer auf, ebenso das wahnsinnig unflexible Interface, und die Webseitenbemalfunktion kann ich dort eh nicht sinnvoll nutzen.
Auf dem Surface bleiben zwar die Bugs und fehlenden Features, hier sprechen aber vor allem die Screenshotfunktion und die längere Akkulaufzeit für Edge, sodass ich wohl weiterhin zweigleisig fahren werde – Edge für das „mal so gelegentlich zwischendurch Surfen und Lesen“ und Firefox, wenn ich Tabs synchronisiert haben oder etwas anspruchsvollere Dinge erledigen muss (und in Nähe einer Steckdose bin).
Insgesamt habe ich allerdings das Gefühl, Microsoft nimmt ihren Browser nicht wirklich ernst. Außerdem frage ich mich, ob irgendjemand dort selbst ausschließlich mit Edge arbeitet – anders kann ich mir manche der grundlegenden Fehler und Ungereimtheiten nicht erklären. Ich fände es allerdings doch sehr begrüßenswert, verbesserte sich Edge durch kommende Updates. Stand jetzt handelt es sich hingegen eher um einen einfachen Browser, der für die große Mehrheit sicher ausreichend wäre, wegen seiner Featureallergie für einen fortgeschrittenen Nutzer wie mich hingegen zu eingeschränkt ist.