Magerquarksocke

Die FDP und die Metadaten

Seit Christian Lindner gestern Nacht kurz vor Mitternacht verkündet hat, die FDP würde aus den Sondierungsgesprächen zu einer Jamaika-Koalition austreten, gibt es Spekulationen, wie lange diese Tatsache in der Partei schon bekannt gewesen sein und dass sie die Gesprächspartner nur hingehalten hätte, um sich zu profilieren.

Soeben stolperte ich über einen Tweet der Spiegel-Redakteurin Ann-Katrin Müller (die, aus ihren übrigen Tweets schließend, ohnehin einen sehr grünen Blickwinkel auf die Politik hat, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das mehr über ihre oder die Glaubwürdigkeit des Spiegels aussagt), in dem sie anmerkte, die seit gestern Nacht in den Social-Media-Kanälen verbreitete Grafik der FDP mit der Aufschrift „Lieber nicht regieren als falsch“ habe das Datum von Donnerstag im Dateinamen.

Ist dies nun der Beweis, dass die FDP schon längst wusste, dass sie die Gespräche abbrechen würde? Nein. Ein Indiz, ja, aber kein Beweis.

Nun bin ich nicht Mitglied irgendeiner Partei im Allgemeinen oder der FDP im Speziellen, aber ich arbeite in der Marketingabteilung eines Software-Unternehmens, und das ist von den Tätigkeiten so verschieden jetzt nicht. Nun ist Software ein wenig undankbar, wenn es um die Ankündigung eines Veröffentlichungsdatums geht, da sich gerne noch Bugs einschleichen können, die zufällig entdeckt werden und den geplanten Termin so kurzfristig nach hinten verschieben können. Viele Bugs rechtfertigen dies zwar nicht, da sie klein genug sind, um im Nachhinein mit einem Update behoben zu werden, aber es gibt auch solche, die tatsächlich schwerwiegend genug sind, um den Release hinauszuzögern.

Ergo muss das Marketing in solchen Situationen auf beide Fälle reagieren können. Dabei hilft es nicht, wenn man selbst vom tatsächlich eintretenden Fall überrascht wird, sondern idealerweise plant man beide Szenarien im Vorfeld – und bereitet entsprechende Meldungen vor. Entweder, man veröffentlicht dann die Nachricht, dass das Produkt nun erhältlich ist, oder man greift zu Plan B und entschuldigt sich für die notwendige Releaseverschiebung.

Ähnliches gilt auch für Reportagen. Egal ob Banalitäten wie versehentlich die falsche Mannschaft zum Sieger eines Spiels zu erklären, oder mal eben Hillary Clinton zur gewählten Präsidentin zu machen – auch Zeitschriften bereiten frühzeitig Meldungen für alle denkbaren Wendungen vor, damit sie schnell reagieren können.

Warum sollte dies nicht auch für die FDP gelten? Insbesondere da deren Vertreter in den vergangenen Wochen stets skeptischer geblieben sind als diejenigen der anderen Parteien (über welche Partei sagt das eigentlich mehr aus?) und sie schon während des Wahlkampfes sowie am Wahlabend nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen verkündet haben, notfalls auch in die Opposition zu gehen. Insbesondere, da ausgerechnet diese Partei schon einmal erlebt hat, was es heißt, seine eigenen Themen zu verraten, und schon blöd wäre, dies in möglichen Koalitionsverhandlungen zu wiederholen. Dass Jamaika an der FDP scheitern könnte, war nicht allzu abwegig, und das war natürlich auch den Parteimitgliedern bewusst. Sicherlich hat man vor diesem Hintergrund bereits eine Kommunikationsstrategie vorbereitet für den Fall, aus den Gesprächen auszutreten – so wie es vermutlich auch eine gibt, die im Falle erfolgreicher Sondierungen genutzt worden wäre, aber das werden wir nun natürlich nie erfahren.

Dass die nun veröffentlichten Pressematerialien bereits einige Tage zurückdatieren, halte ich daher für vollkommen nachvollziehbar.