Magerquarksocke

Killerspiele! Überall Killerspiele!

Nachdem nach dem Amoklauf in München der erste Schock verdaut war, stellte sich die Frage nach dem Warum – warum macht ein junger Mensch so etwas? Wie konnte es dazu kommen? – in der Bevölkerung, vor allem natürlich den Angehörigen der Betroffenen.
Aber eben auch in der Politik. Recht schnell wurde klar, dass diese Schießerei nicht politisch oder islamistisch motiviert und damit kein Terrorakt war. Das für solche Fälle vorgesehene Reaktionsmuster konnte also nicht greifen. Politiker sind allerdings der Meinung, sofort auf alles eine Antwort parat haben zu müssen – wie praktisch war es da, dass man für diesen Amoklauf eine gute alte Erklärung wieder aus dem Mottenschrank holen konnte. Killerspiele mussten es gewesen sein!

Ist ja auch naheliegend. Der 18-jährige Mann litt unter psychischen Problemen: Schwierigkeiten in der Schule, wegen Depressionen und Angststörungen in teils sogar stationärer Behandlung, nahm Medikamente, wurde gemobbt. Und er sammelte Artikel über Menschen, denen es ähnlich ging wie ihm – und die ihr Heil in einem Amoklauf gesucht hatten.
Ja, wenn ich mir diese Fakten so ansehe, dann käme ich auch als erstes auf die Idee, dass Killerspiele für seine Entscheidung zum Amoklauf verantwortlich sind. Am besten sofort verbieten, diese Dinger. Und Waffenbesitz gleich mit!

Ach, Waffenbesitz ist schon verboten? Hat nichts genutzt? Wer hätt’s gedacht…

Bundesinnenminister de Maizière brachte es als erster auf den Punkt, als er sagte

[…] dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten.

All die Psychologen und anderen Forscher, die genau das hingegen bestreiten, scheinen also keine vernünftigen Menschen zu sein.
Der Satz beginnt übrigens mit

Und dann, das zeigen ja auch viele Studien

Tja, klar zeigen das Studien. Wenn man sich nur die herauspickt, die passenderweise gerade den eigenen Standpunkt untermauern, und den Rest ignoriert. Ich könnte ebenso viele Studien jüngeren Datums präsentieren, die de Maizières These widerlegen.

Auf unseren Innenminister folgte recht bald Union-Fraktionschef Volker Kauder (nimmt den eigentlich noch irgendjemand ernst?):

Auch diese Ego-Shooter-Spiele müssen einmal hinterfragt werden. Es gibt für alles Grenzen, wenn Gewalt damit gefördert wird.

Wie praktisch: Diese Grenzen gibt es schon. Die „Counter-Strike“-Titel sind übrigens fast alle ab 16 Jahren freigegeben.

Aber gut, dass intensiver Konsum überhaupt irgendwelcher Dinge einen entsprechenden Einfluss auf den Konsumenten haben kann, lässt sich sicherlich nicht abstreiten. Wie intensiv hat Ali David S. denn Counter-Strike gespielt?

Angeblich 126 Stunden. Von „Counter-Strike: Source“, dass bereits 2004, und damit lange bevor er mit dem Spielen dessen begonnen haben kann, erschienen ist. 126 Stunden wiederum sind für ein Spiel wie Counter-Strike nicht viel, bedenkt man, dass es sich dabei um einen Multiplayer-Titel handelt, in dem man zumeist mehrere Matches hintereinander und damit längere Zeit am Stück spielt als in einem Singleplayer-Titel.

Alleine aufgrund dieser Tatsachen (so sie denn welche sind. Ob es sich bei dem abgebildeten Steam-Account tatsächlich um den des Täters handelt, ist schwerlich nachzuweisen) halte ich es für sehr gewagt, gleich wieder diesen pösen Killerspielen die Schuld zu geben. Es ist eben einfach, erprobt und lenkt wunderbar von den tatsächlichen Problemen ab, weil sich auch die Presse jetzt nur noch auf die „Killerspiel“-Forderungen einlässt. In dieser Hinsicht – Chapeau, die Herren de Maizière und Kauder!

Worauf ich thematisch jedoch eigentlich hinaus möchte, ist folgender Satz von de Maizière, denn er gleich nach seinen oben zitierten Worten ergänzte:

Und auch das ist etwas was glaube ich in dieser Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte als bisher.

Der Wunsch zu diskutieren wird von manchen Teilen der Presse gleich wieder zurückgewiesen (brauchen wir nicht, hatten wir schon öfter als genug!). Ich finde ihn gerechtfertigt.
Eine echte Diskussion hatten wir nämlich noch nicht. Nach jedem Amoklauf hatten wir die Schnellschüsse (kein Wortwitz, der wäre sogar mir zu pietätlos) der Politiker, die Killerspiele beschuldigen, verdammen und verbieten wollten, und die Reaktion der Spieler-Community, die das natürlich völlig übertrieben fanden. Diese Schlagabtäusche waren naiv und bewegten sich auf primitivster Ebene, sowie auf völlig konträren Standpunkten ohne den Willen, auch nur einen Schritt von diesen abzuweichen.

Insofern passt das ja zu der heutigen „Debatten“-Kultur (man denke an Talkshows!), in denen zwei oder mehr Vertreter zweier oder mehrerer Meinungen sich ihre Argumente eine Zeitlang gegenseitig um die Ohren hauen, den/die Gegenüber als fehlgeleitet und doof bezeichnen, und dann wieder auseinandergehen, ohne dass sich irgendetwas geändert hätte. Weicht ein Teilnehmer auch nur leicht von seinem Standpunkt ab, hat er sofort „verloren“. Phrasen wie „Sie haben Recht“, „Das habe ich nicht bedacht“, „Das war mir gar nicht bewusst“ und „Damit muss ich meine These noch einmal überdenken“ sind Tabu.

Damit hat man jedoch nicht diskutiert. Diskussionen zielen auf einen Erkenntnisgewinn ab, weswegen auch kein Teilnehmer verlieren kann – im schlimmsten Fall hat man einfach nichts Neues erfahren und bleibt auf seinem Stand von vorher. Da aber kein Mensch alles wissen und in seiner Theoriebildung bedenken kann, kennt solch eine Diskussion so gut wie immer nur Gewinner – sprich, hat jeder neue Erkenntnisse gewonnen. Natürlich kann es passieren, dass man seine These dann einschränken muss oder sie sogar völlig falsifiziert wurde. Aber das ist doch nichts Schlechtes. Leider nur wird es in diesen Zeiten als furchtbar negativ dargestellt.

Selbst wenn man eine echte Diskussion statt nur einer Talkshow führen wollte, bräuchte es außerdem eine gewisse Ruhe. Es bringt gar nichts, in einem Zustand der Erregung über eine x-beliebige Tatsache diskutieren zu wollen – dann wird man nur umso eher zu übereilten, unüberlegten Äußerungen verleitet.

De Maizière verlangt daher augenscheinlich vielleicht eine „Diskussion“ – alleine die Tatsache, dass er diese Forderung in einem voreingenommenen und zeitlich zu nah am Ereignis liegenden Kontext äußert, zeigt jedoch, dass er in Wahrheit an jener gar nicht wirklich interessiert ist.

Und das, obwohl im vergangenen halben Jahr das, was ein Grundstein zu einer sinnvollen, ernsthaften Diskussion über Gewalt in Computerspielen hätte sein können, bereits gelegt wurde. Im ZDF, erst-ausgestrahlt in dessen Spartenkanal ZDF info, liefen bereits die ersten beiden Teile einer Trilogie über „Killerspiele“. Ja, der Begriff taucht im Titel auf, und nein, es handelt sich nicht um die einseitige Sichtweise, die man von den Öffentlich-Rechtlichen erwarten würde. Die Serie beschäftigt sich mit dem Begriff „Killerspiele“ selbst sowie dessen und deren Herkunft. Es kommen zahlreiche verschiedene Persönlichkeiten zu Wort, darunter Spiele-Journalisten, die (mittlerweile ehemalige) Vorsitzende der BPjM Elke Monssen-Engberding, Spiele-Entwickler (auch Doom-Entwickler John Romero) und auch solche Politiker, die nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden vehement für ein Verbot von Ego-Shootern eingetreten sind.

Die ersten beiden Folgen (Erstausstrahlung der dritten ist noch nicht angekündigt) zeichnen ein ruhiges, neutrales Bild. Es kommen alle Seiten zu Wort, erhalten Gelegenheit, ihre Beweggründe darzulegen oder einfach nur aus dem geschichtlichen Nähkästchen zu plaudern. Trotz des polarisierenden Titels (der wohl einerseits der Aufmerksamkeit, andererseits einfach dokumentierender Gründe, ist der Begriff „Killerspiel“ doch ebenso wie „Raubkopie“ zwar dämlich, aber in aller Munde, wegen gewählt wurde) handelt es sich um genau die Form von Sachlichkeit, die ich mir für die gesamte Debatte wünschen würde. Leider müssen unsere Politiker diese Ansätze wieder einmal gnadenlos torpedieren.

Ansehen kann man sich die bisherigen Teile in der ZDF-Mediathek.
Teil 1: „Killerspiele – Der Streit beginnt“
Teil 2: „Killerspiele – Der Streit eskaliert“
Ich kann beide Folgen jedem, der sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte, wärmstens empfehlen.

Und für die Zukunft wünsche ich mir eine echte Diskussion über Gewalt in Computerspielen und deren Auswirkungen, statt der immer gleichen hektischen Polemik. Erstere hatten wir nämlich noch nie, letztere hingegen schon viel zu oft.

Einige Quellen via vdvc.de