Magerquarksocke

Lasst den Schülern ihre Smartphones

Schülervertreter in Hessen fordern aktuell wieder einmal eine Abschaffung des Mobiltelefonverbots im Klassenzimmer. Die Reaktionen im Heise-Forum (und an anderen Stellen des Webs) fallen wie erwartet aus: das dürfe man ja nicht machen, davon würden die Schüler nur abgelenkt.

Das klingt zunächst einmal nachvollziehbar. Denn auch wenn die Forderung als „nicht mehr zeitgemäß“ unter dem Deckmantel der Modernisierung und Digitalisierung verkauft wird, liefe sie wohl im Endeffekt darauf hinaus, die Unterrichtszeit nun auch hochoffiziell mit WhatsApp, Facebook u.a. verbringen zu dürfen.

Überhaupt höre ich das Argument, im Jahr 2017 müsse man doch endlich mal eine Strategie entwickeln, Smartphones in den Unterricht einzubeziehen, immer wieder, nur in welchen Bereichen das überhaupt Sinn ergeben soll, bleibt mir schleierhaft. Ich bin ja durchaus für eine modernere Ausstattung und mehr Digitalisierung an Schulen – aber wie die Smartphones der Schüler zielführend da hineinpassen sollen, konnte mir bisher niemand beantworten. Die Fortschrittsprobleme liegen an anderen Stellen, bei der technischen Ausstattung und den Kompetenzen des Lehrpersonals im Umgang mit dieser angefangen. Abgesehen davon bleibt die Frage, ob nicht zunächst elementare Dinge wie permanenter Unterrichtsausfall angegangen werden sollen, bevor man sich mit weitergehenden Feldern wie der Digitalisierung beschäftigt – von der grundlegenden stetig abfallenden Qualität unseres Bildungssystems ganz zu schweigen.

Allerdings bin ich kein Freund von Verboten, wenn auch eher vor dem Hintergrund, dass ich an die Eigenverantwortlichkeit jedes einzelnen Menschen glaube. Ich frage mich daher schon, warum man es den Schülern unbedingt untersagen sollte, auf ihr Smartphone statt die Tafel zu schauen. Ist doch deren Problem, wenn sie abgelenkt sind und deshalb Unterrichtsinhalte verpassen – das Ergebnis der nächsten Klassenarbeit wird’s schon richten.

An solchen Stellen erinnere ich mich immer gerne an die Worte meines ehemaligen Biologie-Lehrers in der Oberstufe, der sich in unserer ersten Stunde hinstellte und klar sagte, ihm sei es völlig egal, womit wir unsere Zeit verbringen. Er konfisziere keine Mobiltelefone, spreche keine Ermahnungen aus und verteile auch keine schlechten Noten dafür, dass jemand mit seinem Smartphone spielt. Er stelle eben nur Prüfungsaufgaben, die voraussetzen, dass man im Unterricht aufgepasst oder alles ausführlich selbst nachgearbeitet hat, damit man die beantworten kann. Prompt nahmen dies einige der üblichen Vertreter der Smartphone-Generation zum Anlass, die nächsten Stunden anderweitig zu verbringen. Die erste Klausur viel entsprechend bescheiden aus, wonach man sie während des Bio-Kurses nie wieder mit gesenktem Blick gesehen hat.

Nun muss ich dazu erwähnen, dass besagter Lehrer, obwohl nicht streng oder hart, ein Typ war, der sich durch seine bloße Anwesenheit Respekt verschafft hat – bei den Schülern wie auch deren Eltern. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass es heutzutage üblich erscheint, dass der Lehrer für die Vergabe schlechter Noten verantwortlich ist und sich beim nächsten Sprechtag oder der Elternversammlung für diese rechtfertigen muss. Vielen Eltern scheint, wenn man einschlägigen Berichten zu diesem Thema Glauben schenken darf, die Möglichkeit, dass ihre lieben unschuldigen Kleinen schlicht und ergreifend zu faul waren, nicht mehr in den Sinn zu kommen. Im Gegenteil dürfe dies auch gar nicht sein, da schlechte Note ja unüblich seien und ihre Zöglinge daher diskriminierten und in ihrer weiteren Laufbahn benachteiligten. Bloß keine Eigenverantwortlichkeit bei den Kindern/Schülern suchen.

Insofern braucht es wahrscheinlich einen Lehrer, der auch als Respektsperson durchgeht, um eine derart „lockere“ Haltung gegenüber der Smartphonenutzung im Unterricht umsetzen zu können. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass diese albernen Verbote aufgehoben werden, und dann jeder selbst sieht, wo er oder sie bleibt.