Magerquarksocke

Mehr Licht

Ob Goethes letzte Worte tatsächlich „Mehr Licht“ waren, ist umstritten. Vielleicht wollte er auch bloß „mehr nicht“, vielleicht gelüstete es ihm nach „Meerrettich“, vielleicht sagte er auch etwas ganz anderes. Wer weiß das schon.

In jedem Fall gut zu Gesicht stünde „mehr Licht“ hingegen vor allem einem, nämlich dem Straßenverkehr. Gerade an Tagen wie heute, da sich das Wetter wieder einmal von seiner trübsten, grausten, verregnetsten Seite zeigte, mit entsprechend bescheidenen Sichtverhältnissen. Bekäme ich den einen vielzitierten Euro für jedes Auto, und dann am besten noch eines in den strahlendsten und vielfältigsten Schattierungen des Grau, das mir unter diesen Umständen ohne Licht begegnet ist, führe ich zwecks signifikanter Gehaltsaufbesserung den ganzen Tag durch die Gegend. Das würde wahrscheinlich auch die DUH freuen, da ich ihr so sicher im Alleingang gleich wieder eine ganze Handvoll Klagegründe lieferte.

Ob es Unkenntnis des Vorhandenseins eines Lichtschalters ist, Unwillen, diesen auch zu betätigen, oder schlichte Ignoranz, sowohl Autoindustrie als auch Gesetzgeber meinen, juristische und technische Lösungen für dieses menschliche Problem gefunden zu haben: das Tagfahrlicht und den Lichtsensor; ersteres seit einigen Jahren Pflicht in neu zugelassenen Fahrzeugen, letzteres mittlerweile in Fahrzeugen jeder Preisklasse zumindest als Aufpreisoption orderbar.

Beide, insbesondere in Kombination, sollten doch zum viel zitierten mehr Licht auf Deutschlands Straßen sorgen – sollte man meinen. Mir scheint jedoch, die Existenz dieser Technik verleitet viele Autofahrer dazu, sich zur Gänze auf sie zu verlassen, ohne ihre Grenzen zu berücksichtigen.

Dies wäre zum Einen das bei ausschließlich aktivem Tagfahrlicht fehlende Rücklicht, was sich insbesondere auf der Autobahn, wo man hoffentlich vor allem das Heck anderer Fahrzeuge vor sich sieht, beziehungsweise bei nicht leuchtendem Rücklicht eben nicht sieht, als Problem darstellt.

Dies wäre zum Zweiten der Sensor eines Lichtsensors, der die Umgebungshelligkeit misst, und dementsprechend nicht auslöst, wenn die Schwelle zum Lichteinschalten noch nicht erreicht ist, obwohl die Sicht schlecht genug sein kann, um Abblendlicht erforderlich zu machen.

Dass viele Autofahrer keinen Deut interessiert, was hinter ihnen eigentlich so stattfindet, merkt man nicht nur an fehlendem Blinkersetzen und gefährlichen Ich-will-diesen-LKW-aber-jetzt-noch-überholen-Spurwechseln auf der Autobahn; es verwundert dann aber nicht, dass auch fehlendes Rücklicht kein ausreichender Grund ist, die Hand zum Lichtschalter verirren zu lassen. Ich habe doch Tagfahrlicht, damit ist ja alles gut. Und wenn der Lichtsensor nicht auslöst, ist Licht wohl auch nicht nötig.

Früher, als zwar nichts besser, aber vieles gut war, zum Beispiel das Wurstbrot, war auch gut, dass die Instrumentenbeleuchtung noch an den Lichtschalter gekoppelt war. Ein wunderschöner Wink mit dem ganzen Zaun, mit dem auch der ignoranteste Autofahrer, so er denn etwas sehen wollte, dafür sorgen musste, wiederum selbst gesehen zu werden. In Zeiten immer komplexerer Multimedia- und Infotainment-Systeme, und dann auch noch mit Touchbedienung, ist so etwas natürlich nicht mehr möglich – warum eigentlich nicht? – und ich frage mich, ob es nicht doch Dinge gibt, die früher besser waren.