Magerquarksocke

Photonenexperimente

Kürzlich ist ein erstes Mockup des bei Mozilla unter dem Namen „Photon“ in Entwicklung befindlichen neuen Firefox-Designs aufgetaucht. Mir als jemand, der das momentane Design („Australis“) durchaus ansehnlich findet, sagt dieses Konzept auf den ersten Blick eher so mittelprächtig zu.
Nun darf man nicht vergessen, dass es sich hierbei um Entwürfe handelt, die sich noch deutlich verändern können; nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass das zugehörige Design-Projekt mittlerweile archiviert wurde. Gut möglich daher, dass es sich hierbei um eine bereits verworfene Idee handelt.

Zunächst einmal halten wir fest, dass dieses Konzept von macOS als Betriebssystem ausgeht. Dies ist insofern wichtig, als dass die Tabs hier nicht bis an den oberen Fensterrand ragen, sondern eine Lücke bleibt – man also nicht einfach den Mauszeiger bis ganz nach oben schubsen kann, um einen anderen Tab anzuklicken, sondern genauer zielen muss; Fitts‘ Gesetz lässt grüßen. Hoffen wir, dass dies dem missratenen Fenstermanagement von macOS geschuldet ist und sich nicht auf die Windows-Version auswirken wird – also so, wie es heute der Fall ist.

Darunter sehen wir eine Benutzeroberfläche, die sich in ihrer Art nicht von bestehenden Browser-Designs unterscheidet.
Auffällig ist der als runder Button mit Schatten und Verlauf hervorgehobene Zurück-Pfeil, der in dieser Gestalt fehl am Platze wirkt. Warum er überhaupt prominenter dargestellt ist als die übrigen Buttons, erschließt sich mir nicht. Natürlich handelt es sich um den am häufigsten genutzten Button des Browsers, aber gerade deshalb würde es genügen, ihn einheitlich mit den übrigen in die Reihe zu stellen. Hervorhebungen bieten sich für Funktionen an, die man ansonsten übersehen und daher nicht nutzen würde; für den Zurück-Pfeil ist das hingegen unnötig.

Rechts der Zurück- und Vor-Navigation findet sich der neu-laden-Button, der, davon darf man ausgehen, wieder kontextsensitiv als Laden-abbrechen-Button fungiert, falls gerade eine Website, nun ja, geladen wird. Eben dieser Button befindet sich, wir erinnern uns, im aktuellen Design an der rechten Seite in die Adressleiste integriert, wo er auch sinnvoller platziert ist. Die Funktion dieses Buttons hat einen direkten Bezug zu der URL, die man eingibt und mit Enter (oder, im Australis-Design, mit der Drittbelegung dieses Buttons, nämlich „eingegebene URL laden“) bestätigt. Von daher ist der Laden-Button außerhalb der Adressleiste nicht logisch platziert.

Wiederum daran anschließend haben die Mozilla-Designer den Startseite-Knopf untergebracht. Mir ist dessen Position völlig egal, da ich ihn mir eh links oben in die Tableiste ziehe, sodass er sich, wiederum Fitts‘ Gesetz folgend, ohne Umstände durch einfaches Mausschubsen in eben jene Ecke anklicken lässt. Von daher wäre mir nur wichtig, dass Mozilla die mit Australis begonnene Verdummung der Benutzeroberfläche in Bezug auf Anpassbarkeit und Repositionierung der Symbole mit Photon nicht noch weiter fortsetzt und weiterhin ermöglicht, diesen Button an beliebige Positionen zu bewegen.

Überspringen wir die Adressleiste zunächst und schauen uns die Icons auf der rechten Seite an. Das erste gehört zu Page Shot – ein Screenshot-Werkzeug, das sich momentan in der Evaluationsphase („Test Pilot“) befindet und auch als Seiteninhalt in dem Mockup auftaucht.

Interessant, mir allerdings nicht auf den ersten Blick klar sind die beiden folgenden Icons – eine Reihe Bücher und ein Notizblock. Bei letzterem würde ich auf Lesezeichen tippen; das aktuelle Icon sieht zumindest ähnlich aus. Die Bücher hingegen sagen mir nichts. Das ist für ein Icon natürlich eher eine schlechte Qualifikation, den dessen Sinn besteht ja gerade darin, ohne Text auskommend symbolisch für einen Inhalt zu stehen.

Ganz rechts finden wir, durch einen hellgrauen vertikalen Balken abgetrennt, das Hamburger-Icon, welches sich so bereits im Australis-Design findet. Dieses hier hat allerdings kürzere Balken, die den zur Verfügung stehenden Platz nicht so weit ausfüllen. Das sieht ein wenig merkwürdig aus, da gefällt mir die momentane, etwas längere und dickere Darstellung besser.

Nun also endlich zur Adressleiste. In diesem Design fehlt von einer separaten Suchleiste jede Spur. Deren Entfernung war bereits des Öfteren Thema, und Firefox ist der einzige größere Browser, der eine solche noch besitzt. Ich finde das sehr praktisch, kann man so doch neben einer Standardsuche in der Adressleiste (bspw. Google) noch einen zweiten Suchanbieter (bspw. Wikipedia) gleichzeitig nutzen, ohne sich mit Keywords behelfen zu müssen.
Vor allem auffällig ist aber, dass die Adressleiste nicht den vollen zur Verfügung stehenden Platz nutzt, sondern links und rechts Weißraum lässt. Ich möchte von einer URL aber gerne möglichst viel sehen – zu nichts anderem ist diese Leiste schließlich da. Außerdem wäre dann die Frage, wozu man die dedizierte Suchleiste entfernt, wenn man den dadurch freiwerdenden Platz nicht nutzt.
Hinzu kommt, dass das Protokoll vor der URL hier völlig fehlt. Bereits seit Längerem blendet Firefox ein http:// mit der wenig überzeugenden Begründung, es wäre das verbreitetste und daher erwartbar, aus, andere Protokolle, einschließlich https://, hingegen weiterhin ein. Schon das missfällt mir, lässt sich aber über about:config immerhin ändern. In diesem Mockup hingegen sieht es so aus, als würden nun gar keine Protokolle mehr angezeigt – zumindest handelt es sich um eine https-Seite, ohne dass dies explizit davorsteht (nur noch in der Anzeige „Sicher“). Was ist so schwer daran, einfach das Protokoll mit anzuzeigen? Diese Unsitte gefällt mir in den anderen Browsern schon gar nicht, das hat in Firefox nichts verloren!
Neben dem Stern, mit dem man die geöffnete URL als Lesezeichen setzen kann, ist noch ein Drei-Punkte-Icon in die Leiste integriert. Ob sich hinter diesem die gleiche Funktion verbirgt, die aktuell der nur bei Mouse-Over eingeblendete Pfeil übernimmt, bleibt unklar.
Gestalterisch hebt sich die Adressleiste durch einen Schatten vom Rest der Nutzeroberfläche ab. Wie schon beim Zurück-Pfeil sieht das auch hier zu mächtig aus. Natürlich muss diese Leiste als Textfeld erkennbar sein, aber ich sehe nicht, warum die weiße Färbung hierzu nicht ausreichen sollte; eventuell ergänzt um einen dünnen hellgrauen Rahmen wie im aktuellen Design. Der Schatten stört optisch mehr als er nützt – ganz abgesehen davon, dass Schatten eine Positionierung auf der Z-Achse implizieren, ohne dass in diesem Falle klar wird, warum die Adressleiste über dem Rest der UI schweben sollte.

Gibt es noch etwas zu diesem Photon-Mockup zu sagen? Ach ja, die Tabs sind jetzt vollkommen eckig. Könnte mir egaler nicht sein. Mir gefallen die für Australis so ikonisch abgerundeten Tabs zwar, aber ich habe da keine Präferenz.

Natürlich handelt es sich um ein Konzept, möglicherweise ein, wie eingangs erwähnt, bereits verworfenes. Ich sehe keine einzige Verbesserung gegenüber Australis, dafür aber einige Änderungen um der Änderung Willen (eckige Tabs) und einige Verschlechterungen (Adressleiste).
Häufig ist es ja nun so, dass ein solches Design „in Bewegung“, also während der Benutzung, noch einmal anders wirkt als auf einem statischen Screenshot. Zudem gehört mehr zu einer Nutzeroberfläche als dass, was auf diesem Mockup zu sehen ist.

Mir stellt sich vor allem die Frage, warum ein neues Design für Firefox her muss. Australis ging mit dem Ziel an den Start, eine einheitliche Designsprache zu etablieren – so finden sich beispielsweise die Rundungen der Tabs des Desktop-Browsers genauso im Menü der Android-Variante wieder. Auf dieser Basis könnte man nun ja aufbauen – zumal Australis bis heute nicht vollständig umgesetzt wurde, öffnen sich doch Erweiterungen und Einstellungen in der Australis-Optik in einem neuen Tab, während Chronik, Lesezeichen und Downloads weiterhin als eigene Fenster mit eher altbackener Anmutung aufploppen.
In einem eigenen Repo wird von dem Ziel, ein „cohesive product“ etablieren zu wollen, gesprochen – also tatsächlich genau das, was auch Australis erreichen wollte. Die folgenden Unterpunkte sind derart nichtssagend, dass sie auch keinen weiteren Hinweis auf die Existenzberechtigung von Photon geben.

Ungeachtet der Gründe hoffe ich jedoch, dass Firefox nicht noch mehr seiner Anpassungsmöglichkeiten einbüßt, als es bereits der Fall ist. Ein Browser ist ein Werkzeug, mit dem ich arbeite, und um das effizient bewerkstelligen zu können, muss ich ihn an meine Bedürfnisse anpassen können – was der Grund ist, weshalb ich Edge und Chrome nicht ernst nehmen kann. Mit Australis hat Mozilla bereits einige Möglichkeiten genommen, Bestandteile der UI zu verschieben oder komplett zu entfernen, mit der fadenscheinigen Begründung, dies könne einige Nutzer verunsichern (das klingt jetzt nur zufällig wie eine ähnlich lautende Ausrede unseres Bundesinnenministers). Als Entschuldigung hörte man daraufhin, Add-ons wie Classic Theme Restorer würden diese Möglichkeiten wiederherstellen. Dummerweise fällt dieses Argument demnächst auch weg, denn WebExtensions sind leider blöd.

Nichtsdestotrotz bleibe ich gespannt auf die weitere Entwicklung rund um Photon. Und Quantum. Und was Mozilla dem guten Firefox in Zukunft noch so alles antun will.


Quelle: Sören Hentzschel