Magerquarksocke

Überraschung: Weniger Suizidgründe führen zu weniger Suiziden

In der US-amerikanischen Kindermedizin-Fachzeitschrift „JAMA Pediatrics” ist eine Studie erschienen (Ars Technica berichtet), derzufolge die Suizidrate unter Jugendlichen in jenen Bundesstaaten, die die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt haben, geringer ist als in solchen, die diese Form der Ehe weiterhin verbieten.

Nun mag man zunächst denken, welch Überraschung, die Leute bringen sich tatsächlich tendenziell weniger um, wenn es ihnen gut geht. Dafür braucht es Forscher?

Und in der Tat ist die reine Erkenntnis an sich wohl naheliegend genug, dass ein jeder (außer natürlich der Kirche) auch ohne eine solche Studie darauf gekommen wäre. Dennoch ergeben sich Fragen, die zumindest der Artikel auf Ars Technica nicht klärt (die Studie selbst zu lesen hatte ich bisher nicht die Zeit).

Nun sollte man anführend zwei Dinge anmerken. Zunächst einmal gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe seit Juni 2015 in den USA bundesweit, denn damals hat der Supreme Court geurteilt, dass entsprechende Verbote der Verfassung widersprächen. Einzelne Staaten können die Ehe zwischen Homosexuellen seitdem nicht mehr unterbinden.

Allerdings fiel diese Entscheidung mit fünf zu vier Stimmen auch denkbar knapp aus. Hier zeigt sich einmal mehr, um was für ein sonderbares Politikum es sich bei der Homo-Ehe handelt.
Für gewöhnlich sind in der Politik Kompromisse nötig, weil es kaum Entscheidungen gibt, die grundsätzlich gut oder schlecht sind. Verschiedene Teile der Bevölkerung haben verschiedene Interessen, und diesen zu entsprechen und sie in der Politik zu repräsentieren, hat zur Gründung von Parteien geführt. Hieraus ergibt sich, dass die verschiedenen Parteien verschiedene Ziele verfolgen, eben um den Interessen ihrer Wähler zu entsprechen (ich gehe hier einmal vom Idealbild aus und erspare mir Vergleiche mit der aktuellen politischen Situation). Da keine einzelne Partei alleine „durchregieren“ kann, geht sie Koalitionen mit anderen ein, die dann zu den angesprochenen Kompromissen führt, in denen man versucht, seine unterschiedlichen Interessen und Ziele dergestalt in Einklang zu bringen, dass am Ende eine für alle Seiten vertretbare Lösung herauskommt. Und eigentlich, so müsste man meinen, sollten Politika, die tatsächlich keinerlei Nachteile aufweisen, mit Freuden von allen Seiten einfach so durchgewunken werden – wenn es sie denn gäbe.
Die gleichgeschlechtliche Ehe ist ein solches. Sie zu erlauben, ändert, zugegeben, für einen Großteil der Bevölkerung gar nichts, verbessert das Leben einiger hingegen deutlich. Und niemand muss auf etwas verzichten oder sonstige Nachteile in Kauf nehmen. Trotzdem wird die Homo-Ehe entweder gar nicht (bspw. Deutschland) oder nur ganz knapp (bspw. eben USA) eingeführt.

Kommen wir nun zu der Studie zurück. Die USA sind ein Musterbeispiel des Föderalismus, in dem der einzelne Bundesstaat recht viele Freiheiten hat. Ob das in jeder Hinsicht eine gute Idee ist, sei einmal dahingestellt – zumindest ermöglichte diese politische Ordnung, dass einige Staaten die Homo-Ehe bereits deutlich früher freiwillig erlauben konnten, wohingegen andere sie auch auf die Entscheidung des Supreme Court hin nur eher widerwillig billigen.

Zu welcher dieser beiden Seiten ein Bundesstaat nun gehört, hängt wohl von der Mentalität der dort lebenden Bevölkerung ab. Kalifornien ist an sich offener als Texas, und in einigen Staaten leben große Gruppen von Anhängern radikalerer Religionsgruppierungen, insbesondere aus dem protestantischen Umfeld. Nicht zufällig ist der Kreationismus in den USA durchaus verbreitet. Eine derartig strenge religiöse Lebensweise passt allerdings nicht allzu gut mit Homosexualität zusammen.

Insofern würde mich interessieren, inwiefern sich die Mentalität einzelner Staaten in Bezug auf die Akzeptanz Homosexueller auf das Suizidrisiko schwuler/lesbischer Jugendlicher auswirkt – auch jetzt, nachdem sie überall heiraten dürfen.

Der Ars Technica-Artikel deutet in dieser Hinsicht an:

The persistence of this drop suggests that any backlash regarding same-sex marriage didn’t make things any harder on teens.

Nun ist die Möglichkeit, zu heiraten, ein Aspekt, der erst später zum Tragen kommt. „Gefährlich“ für homosexuelle Jugendliche ist die Phase der Pubertät, wenn sie sich ihrer Andersartigkeit bewusst werden. Dann nämlich müssen sie zunächst für sich selbst akzeptieren, homosexuell zu sein; anschließend folgt das Coming-Out, in dessen Zuge man zumindest Teilen seines Umfeldes mitteilt, was Sache ist. Es sind diese beiden Phasen, in denen Jugendliche besonders stark suizidgefährdet sind, da sie mit (real präsenter oder befürchteter) Ablehnung und Ausgrenzung durch ihr Umfeld fertigwerden müssen. Natürlich gibt es auch genug Jugendliche, die keine derartigen Probleme hatten, aber die Tendenz ist doch deutlich.
Anders gesagt: wenn ein Homosexueller erst einmal in die Situation kommt, sich über das Heiraten Gedanken machen zu können, hat er die schlimmste Zeit bereits hinter sich.

Die bundesweite Einführung bzw. Bestätigung der Homo-Ehe hat, das bestätigt die Studie, dazu beigetragen, homosexuellen Jugendlichen ein sichereres Gefühl zu geben als zuvor (was auch der Grund für Outings vieler Prominenter sein dürfte – die machen das eher nicht zwecks Profilierung, wofür die Gefahr negativer Rückmeldung doch zu groß wäre, sondern eher, um gleichsam „Betroffenen“ als eine Art Vorbild dienen zu können). Nichtsdestotrotz bleibt in meinen Augen die Frage offen, welche Auswirkungen die Umstände, unter denen die Homo-Ehe in einzelnen Bundesstaaten legalisiert wurde, auf die Suizidgefahr der Jugendlichen hat.

Still, the authors couldn’t control for individual-level differences, such as economic status or religious affiliation. These demographic characteristics could play an important role in determining the likelihood of a suicide attempt. Future studies that look more closely at individuals and their personal social context are needed.

In diesem Fall ist die offene Frage bereits angesprochen: welche Auswirkungen haben individuelle Eigenschaften? Einige davon kann man ausschließen – der soziale Status etwa kann höchstens verstärkend wirken, nicht jedoch ursächlich sein, da Homosexualität samt entsprechender Suizidgefahr unabhängig vom Haushaltseinkommen auftritt. Gleiches gilt zwar im Prinzip auch für die Religion; diese spielt jedoch, wie oben bereits angesprochen, in einigen Gegenden der USA nach wie vor eine große Rolle und kann somit den Unterschied machen, ob ein Jugendlicher eine suizidale Annäherung erlebt oder nicht. In meinem Fall war die Ablehnung von Seiten der (katholischen) Kirche der Anlass, aus dieser auszutreten, aber in meinem Fall war das auch leicht. Wo eine Religionsgemeinschaft hingegen weiterhin gesellschaftlich relevant ist, ist dies jedoch keine Option. Stattdessen verstärkt sich der Druck auf den pubertären homosexuellen Jugendlichen nur noch. Von daher wäre ich an weiteren Studien, die einzelne Aspekte tiefergehend untersuchen, ebenfalls interessiert.

Abschließend möchte ich anmerken, dass ich die Entwicklung sehr begrüßenswert finde; nicht nur die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen, sondern vor allem, dass diese zu allgemein abnehmendem Suizidrisiko führt. Vielleicht können solcherlei Studien ja auch als rationale Argumente für einige Politiker in anderen Ländern dienen, die sich bisher eher nicht so überzeugen lassen wollten.