Magerquarksocke

Völlig vernebelt

Es gibt Grund zu Jubilieren: Demnächst werden Luft und Verkehr in Deutschlands Städten deutlich besser. Es dürften dann nämlich keine Lastkraft- und Lieferwagen mehr die Straßen verstopfen und zur Anlieferung in zweiter Reihe parken.
Warum das? Nun, Umweltministerin Hendricks ließ einen Verordnungsentwurf erstellen, der es Kommunen ermöglichen soll, den Dieselmotor aus Städten zu verbannen. Die FAZ berichtet.
Das klingt rundherum wie eine gute Idee. Warum fährt man noch gleich einen Diesel? Ach ja, weil er dank geringeren Verbrauchs mit einer Tankfüllung weiter kommt als alles andere, was sich heute so auf den Straßen findet. 800 km sind für jemanden, der stets an der „Super“-Zapfsäule hält, Wunschdenken, mit einem Selbstzünder hingegen völlig normal. Das rechnet sich für Vielfahrer natürlich. Schmeißen wir also die ganzen Berufspendler aus der Stadt. Die parken ihr Auto dann vor dem Ortseingang und nutzen… ähm, ja was eigentlich, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen? Bus oder Taxi? Sind ebenfalls dieselbetrieben. Gut, vielleicht Hybrid, aber dennoch. Oder sind Busse und Taxen von dieser Regelung etwa ausgenommen? Wenn ja, welchen Sinn hätte diese dann?

Das ist aber eh ein gutes Stichwort. In dem gesamten verlinkten Artikel taucht stets nur die Formulierung „Dieselauto“ auf. Von LKW, Lieferwagen o.ä. ist nie die Rede. Da der gesamte Lieferverkehr zwangsläufig dieselbetrieben unterwegs ist, wäre ein Verbot dessen auch wirtschaftlicher Selbstmord – wie sonst sollten Betriebe und Geschäfte mit Waren beliefert werden.
Der Umwelt ist’s freilich relativ gleich, ob sie jetzt von LKW oder PKW verpestet wird.
Dabei muss man nur einmal zählen, wie viele Laster einem an handelsüblichen Tagen innerhalb der Städte so in den Blick geraten, die schon jahrelang abgeschrieben sein dürften und einen Qualm ausstoßen, der jeden Trabi vor Neid (oder Übelkeit?) erblassen lassen würde. In der Hierarchie der Umweltsünder stehen die locker vor jedem PKW. Aber der Wirtschaft kann man eine Modernisierung des Fuhrparks natürlich schlecht vorschreiben, da schmälerte ja den Profit.

Also bleibt wieder einmal alles an den Autofahrern hängen. Die möglichen Maßnahmen zielen zumeist auf ein Verbot älterer Dieselfahrzeuge ab (heißt, alles, was noch nicht die Euro-6-Norm erfüllt. Also jeder Diesel außer absoluten Neuwagen). Wer nun auf der einen Seite auf ein Auto angewiesen ist, auf der anderen Seite aus hinlänglich bekannten Gründen der Wirtschaftlichkeit einen Diesel wählte und wählen wird, der müsste sich mit Inkrafttreten dieser Verordnung ein neues Auto anschaffen. Dies wiegt umso schwerer, da die Euro-6-Norm erst seit September 2015 insofern vorgeschrieben ist, als dass bis dahin noch Fahrzeuge zugelassen werden konnten, die diese nicht erfüllten. Im schlimmsten Fall hat man also ein nur etwas über ein Jahr altes Auto, mit dem man schon nicht mehr zur Arbeit oder zum Einkaufen oder zum Familie besuchen in die Stadt kommt. Und wie viele Leute werden es sein, die rein finanziell in der Lage sind, sich mal eben ein neues Auto zu kaufen? Vermutlich nicht allzu viele.

Aber selbst wenn es ein neues Auto geben kann – was soll es denn werden? Wieder ein Diesel? Das wäre gefährlich, falls im Winter 2017 wieder jemand auf die Idee kommt, strenge Vorschriften zu erlassen. Man kann sich ja nicht einmal im Jahr ein neues Auto kaufen.

Also einen Benziner. Mit dem schrumpft die Reichweite dann schon einmal, bzw. muss man öfter tanken. Das wiederum ist nicht nur schlecht für den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt, denn ein höherer Verbrauch bedeutet zwangsläufig auch einen höheren Schadstoffausstoß. Ob ein Benziner, der wie ein Diesel gefahren wird, noch umweltfreundlicher ist, erscheint mir zweifelhaft.

Aber das nächste große Ding werden ja eh Elektroautos. Für die gibt es immerhin sogar eine Prämie, gestaffelt nach Hybrid- (3000€) oder Voll-E-Auto (4000€). Da diese Prämie zur einen Hälfte vom deutschen Staat (und damit den Steuerzahlern!) und zur anderen von deutschen Autobauern finanziert wird, sollte es sinnvollerweise auch ein heimisches Fahrzeug werden. Ansonsten würden wir ja der Wirtschaft eines anderen Landes Geld schenken. Betrachtet man sich allerdings die Preise eines VW Golf GTE, Audi A3 e-tron oder BMW i3, wären diese Fahrzeuge selbst nach Abzug der 4000€ Prämie für Otto-Normalverbraucher kaum erschwinglich. Und Gebrauchtfahrzeuge (die für die meisten Menschen eh die sinnvollere Variante sind) werden nicht subventioniert.
Auch der Erlass der Kfz-Steuer für 10 Jahre ist mehr Ironie als echter Anreiz. Ein E-Auto wird steuerlich nach seiner Gesamtmasse, und auch dann noch um die Hälfte ermäßigt bemessen. Die Steuer wäre als vermutlich eh geringer als die 66€, die ich aktuell für meinen Benziner zahle. Selbst für den hätte ich nach zehn Jahren ganze 660€ gespart – das liegt in der Größenordnung eines Monatsgehalts eines Auszubildenden!
Abgesehen davon bleiben handfeste praktische Nachteile. Wer keine Garage sein Eigen nennt, wird Probleme bekommen, das Ding aufzuladen. Designierte Parkplätze in der Stadt werden garantiert von den üblichen Chaoten zugeparkt, so wie es heute schon mit Behindertenparkplätzen abläuft.
Selbst ich mit meinem Benziner schaffe mit einer Tankfüllung etwas mehr als 600 km – bei viel Autobahnverkehr mit einer Reisegeschwindigkeit von 140-160 und gelegentlichen Spitzen jenseits der 200 km/h. Man zeige mir ein Elektroauto, dass hier mithalten kann.
Und nicht zuletzt wäre da noch die Frage, wo der Strom für mein E-Auto eigentlich herkommt. Denn natürlich, ein Elektromotor stößt keine Schadstoffe aus. In die Umweltbilanz eines solchen Fahrzeugs müssen aber auch die Emissionen der Kraftwerke mit einfließen – ansonsten macht man sich hier nur eine Umweltverträglichkeit vor, die in Wahrheit gar nicht gegeben ist. Und so lange der Strom nicht zu großen Teilen aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, habe ich mit einem E-Auto auch nichts gewonnen.*
Kurzum, reine Elektroautos mögen für den rein innerstädtischen Verkehr ideal sein – wenn man sie sich leisten kann und über eine Auflademöglichkeit verfügt. Für alle anderen kommt der aktuelle Stand der Technik nicht in Frage.

Disclaimer, bevor ich gemäß Internetkultur als strikter E-Auto-Gegner abgestempelt werde, weil niemand mehr in der Lage ist, zwischen den Zeilen zu lesen: Mir ist völlig wurscht, ob mein Auto jetzt mit Benzin, Diesel, Strom oder Haarshampoo fährt. Wichtig ist, dass die Werte stimmen – und ich werde bestimmt kein Geld für ein neues Auto ausgeben, mit dem ich dann auch noch Kompromisse eingehen muss. Sobald der Elektro- dem Verbrennungsmotor in jeder Hinsicht mindestens ebenbürtig ist, bin ich allerdings gerne bereit, mir einen solchen anzuschaffen.

Um aber zum Verbot der Dieselfahrzeuge in Städten zurückzukommen: Auf dem Diesel kann man gerade so schön herumhacken, weil der aktuell eh nicht den besten Leumund hat. Gestraft wird mit dieser Verordnung einmal mehr der vielbeschworene kleine Mann, der jetzt zusehen darf, wie er in die Stadt kommt. Die Wirtschaft klammern wir wie üblich aus, obwohl gerade die einen hoffnungslos veralteten und ineffizienten Fuhrpark besitzt. Und weil das Ganze auf kommunaler Ebene entschieden wird, brauche ich nachher für die eine Stadt eine blaue Plakette, für die andere das richtige Nummernschild am richtigen Tag und für die nächste gar nichts, weil Diesel hier gleich ganz verboten werden. Toll!

Aber ein Gutes hat der Plan auch:

Wir machen damit auch klar, dass es Sache der Städte und Kommunen ist zu entscheiden, ob sie Maßnahmen ergreifen und wenn ja, welche.

Hendricks nix Schuld!


*Womit wir bei einem völlig anderen Schauplatz angekommen wären. Die E-Auto-Subventionierung kommt in jeder Hinsicht zu früh und verfolgt den falschen Ansatz, erst die Fahrzeuge und dann die Infrastruktur aufzubauen. Aber was will man von einer Regierung, die schon verfrüht und übereilt auf erneuerbare Energien umgeschwenkt ist, weil's gerade politisch opportun erschien, auch anderes erwarten? Diese Populisten immer.